Friday, January 13, 2006

Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

In meinem zweiten Textkommentar, werde ich mich mit den kulturrelativistischen Ansätzen von Franz Boas und seinen SchülerInnen auseinandersetzen. Um Boas relativistische Haltung gegenüber der anthropologischen Forschung zu verstehen, glaube ich, ist es auch notwendig sich anzusehen woraus die Vorstellungen Boas und seiner SchülerInnen resultieren.

Zu Beginn des 20. Jh. kamen zwei neue Denkrichtungen in der euro-amerikanischen Anthropologie auf. Beide, einerseits der Kulturrelativismus in Nordamerika, auf der anderen Seite der struktural- funktionale Ansatz, entstanden aus der Kritik gegenüber dem Evolutionismus.

Der anthropologische Evolutionismus der zu jener Zeit den größten Einfluss auf die Anthropologie in Nordamerika und Großbritannien hatte, wurde vor allem von Darwin und Spencer geprägt. Ihre Grundidee war die ansteigende Entwicklung der menschlichen Lebensform bis zur Industriegesellschaft, welche die höchste Stufe darstellte. Innerwissenschaftlich war ein Kritikpunkt daher der politische Ethnozentrismus, da die Evolutionisten die westliche Gesellschaft als die überlegene Gesellschaft gegenüber den „primitiv societies“ darstellten. Außerwissenschaftlich war es auch eine politische Reaktion des akademischen Establishments auf die Handlung von Marx und Engels den Evolutionismus für ihre Geschichtsphilosophie heranzuziehen. (vgl. 1)

Franz Boas stellt die Gründerfigur für den amerikanischen Kulturrelativismus dar. Der aus Deutschland stammende und in Naturwissenschaften ausgebildete Anthropologe machte seine erste Feldforschung bei den Eskimos (1883). Er war der erste der sich genau mit Jäger und Sammler auseinandersetzte und musste schon bei den Eskimos feststellen, dass sich ihre Kultur nicht alleine mit den Umwelteinflüssen erklären lässt. Seine nächste Feldforschung befasste sich mit den Kwakiutl Indianern im Nordwesten- Amerikas. Diese waren zwar Jäger und Sammler, also betrieben keine Landwirtschaft, waren aber dennoch sesshaft. Die Indianer lebten im Überfluss und mussten daher auch nicht Landwirtschaft betreiben. Durch ihren Überfluss war bei den Kwakiutl auch nicht das Profitdenken sondern das Prestigedenken das vorherrschende. Die, die viel hatten gaben viel, auch wenn das ihren eigenen Ruin bedeutete. Normalerweise hatten Jäger und Sammler völlig andere Bestrebungen, was auch daher kam, da die meisten Jäger und Sammler um ihr nacktes Überleben kämpfen mussten. (vgl. 2)

Aus diesem Paradoxon in den Kulturen der gleichen Evolutionsstufe, wodurch der Evolutionismus für Boas widerlegt wurde, wandte Boas sich vom Evolutionismus und prägte den Kulturrelativismus. Aus dieser Feldforschung stammen auch seine beiden Grundgedanken der „Boas School“, die er als amerikanische Alternative zur Völkerkunde begründete. Zum einen sein Grundgedanke der „four field approach“, der aus der Biologischen-, archäologischen-, linguistischen- und soziokulturellen Anthropologie besteht und zum anderen aus dem Gedanken „Kultur ist wie Sprache“. Für Boas war die Sprache einer der wichtigsten Faktoren um eine Kultur verstehen zu können. Nur mit dem Wissen über die Sprache ist es laut Boas auch möglich in die Mentalität der zu erforschenden Gesellschaft einzutauchen. (vgl 3)

Im Gegensatz zum Evolutionismus, der alle Kulturen auf eine Entwicklungslinie fixiert und generalisiert, sagt Boas, dass keine Verallgemeinerung zwischen den Kulturen möglich ist, jede Kultur ist relativ. Jede Kultur ist in erster Linie aus ihren eigenen kulturellen Konzepten heraus erklärbar und verständlich. (vgl. 4) Für ihn ist dabei jeder Teilbereich des kulturellen Lebens wichtig, ob es nun die Kunst, die Sprache, die Umwelt, die Technik, oder die Normen und die Wertvorstellungen sind. Die beiden Letzteren nehmen bei Boas aber ein größeres Gewicht bei der Bildung der Kultur ein. Boas betont immer die Einzigartigkeit der Geschichte jeder Gesellschaft. Für ihn ist es deshalb auch nicht möglich zwei Gesellschaften zu vergleichen. Trotz des Glaubens an die Einzigartigkeit einer jeden Kultur entwickelte sich aus der anti-rassistischen Grundhaltung der Grundgedanke einer Einheit der Menschen bei grundsätzlicher Gleichwertigkeit aller Kulturen. Die Unterschiede in den Lokalkulturen gegenüber der Allgemeinen (Menschheit) wurden durch die verschiedenen Verläufe ihrer Lokalgeschichte oder durch bestimmte Symbole im kulturellen Selbstverständnis erklärt. (vgl. 5)

Die SchülerInnen Boas bauten die Grundlage des Kulturrelativismus in verschiedene Richtungen aus. Zu seiner ersten Schülergeneration gehörten vor allem Robert Lowie und Alfred L. Kroeber. Die erste Generation befasste sich in ihren Forschungen mit ausgewählten kulturellen Teilbereichen. Besonders Kroeber fixierte sich auf die Unterschiede zwischen den Kulturen und verabsolutierte diese. Seine Werke sind aus diesem Grund heute kritisch zu lesen, er sagte auch, dass jeder Unterschied zwischen den Kulturen nicht zu überbrücken sei. Aus diesem Grund lehnen die Anhänger dieses „harten Kulturrelativismus“ auch jeglichen Vergleich zwischen den Kulturen von vornherein ab. (vgl. 6)

Auch wenn man Kroeber im nachhinein zu den „harten Kulturrelativisten“ zählen kann, so wurde das vorherrschende Theoriegebilde des „harten Kulturrelativismus“ jedoch erst von der zweiten SchülerInnengeneration geprägt. Die „culture and personality school“ war dieses Theoriegebilde und wurde vor allem von Ruth Benedicts und Margaret Meads geprägt. Dieser anthropologische Diskurs zählte in den 20er bis 50er Jahren des 20. Jh. zu den vorherrschenden Forschungsansätzen. Aus dieser Tradition stammen auch die bis heute meistgelesenen anthropologischen Werke: „Pattern of Culture“ von Benedicts und „Coming of Age in Samoa“ von Meads. Ein positiver Aspekt dieser Forschungsrichtung ist, dass auf die Gegensätzlichkeiten zwischen indigenen und westlichen Normen der Persönlichkeits-entfaltung aufmerksam gemacht wurde und somit auch ein Denkanstoß an die westliche Gesellschaft geliefert wurde ihre eigene Kultur zu hinterfragen. ( vgl. 7)

Die genaue Analysierung der Unterschiede zwischen den Kulturen führte aber auch dazu, dass eine Stereotypisierung einer jeden Gesellschaft relativ schnell vorgenommen wurde. Im zweiten Weltkrieg machte sich die US- Regierung dies zu nutzen, indem sie viele Vertreter der „culture and personality“- Richtung anheuerte um den „Nationalcharakter“ der Kriegsgegner zu analysieren. Das zweit bekannteste Werk von Benedict „Chrysanthemum and the Sword“ war eine solche Studie über die japanische Kultur. (vgl. 8) Durch die Popularität dieser Bücher wurde dieses Konzept in die breite Masse getragen, wodurch noch bis heute, 45 Jahre nach dem Bruch der euroamerikanischen Anthropologie mit dem Kulturkonzept, die Bevölkerung diese Richtung mit Anthropologie verbindet. In unserer jetzigen Zeit ist besonders die politische Rechte die diese Konzepte aufgreift und nutzt. Für die Rechte gilt: Was macht es den für einen Sinn sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen, wenn die Kulturen in ihrer Grundsubstanz unveränderlich sind und für andere auch nicht verständlich?

Ein weitaus weniger populärer, dafür umso bedeutender Seitenstrang der „culture and personality school“ war von Margaret Meads und ihrem zweiten Ehemann Gregory Bateson begründet. Sie setzten sich mit der Ethnoscience auseinander und führten die Ergebnisse den so genannten „cognitive sciences“ zu. Die Ethnoscience kam aus der Boas- Schule und wurde von Whorf und Sapir begründet. Ihre Hypothese ging davon aus, dass die Logik der Sprache die Wahrnehmung der Wirklichkeit steuert, also die Sprache das menschliche Denken festlegt. Die Ethnoscience versuchte diesen verschiedenen Wirklichkeitswahrnehmungen in den verschiedenen Sprachen zu beweisen. Allerdings wurde schon bald erkannt, dass das Denken und die Wirklichkeitskonstruktion nicht als alleiniges Resultat einer sprachlichen Determination sein kann. Es bedarf daher viel breitere Formen der Analyse, weshalb sich auch heute das Projekt der „cognitive science“ damit beschäftigt. Es ist zusammengesetzt aus Psychologie, Neurophysiologie, Linguistik, Systemtheorie und Anthropologie. Eine weitere „weiche“ Form des Kulturrelativismus ist die Ethnohistorie. Diese Form hat sich stark aus den Grenzen des Kulturrelativismus entwickelt und hat sich auch aus lateinamerikanischen und europäischen Ansätzen entwickelt. Thematisiert wird vor allem der Wechsel zwischen lokalen und globalen Verhältnissen unter besonderer Berücksichtigung der verschiedenen Sichtweisen, was bedeutet, dass Innen- sowie Außenperspektiven in der Analyse berücksichtigt werden. (vgl. 9)

Abschließend kann man sagen, dass Boas Denkmodell des Kulturrelativismus zu den wichtigsten Anthropologischen Gattungen des 20. Jh. gehörte. Sicher nicht im Sinne Boas war die Bezugnahme der politischen Rechte an der sehr radikalen Denkschule, nämlich die des „harten Kulturrelativismus“, der besagt, „dass jegliche Auffassung von sozialer Realität relativ sei und vom jeweiligen kulturellen Hintergrund der beobachtenden Person abhänge“ und somit die Unterschiede zwischen den Kulturen nicht überbrückbar wären. (vgl. 10)

Doch während diese Theorien nur mehr von den „Ewiggestrigen“ proklamiert werden gibt es auch die für die Anthropologie sehr wichtige Herausbildung des „weichen Kulturrelativismus“, der das relative als relativ sieht und zwar die Besonderheiten sieht, aber in Mitten dieser Besonderheiten und quer über diese Besonderheiten gibt es Gleichheiten. Wenn nicht mit allen Menschen so doch mit einem gewissen Teil und das nicht alles was so Besonders scheint so Besonders ist, sondern vielleicht nur eine Anpassung an die Natur darstellt. Die Ethnohistorie und „cognitive science“ stellt diese weiche Form des Kulturrelativismus dar, welche auch die Kritiken bis heute überlebte. Der „weiche Kulturrelativismus“ gilt bis heute als eines der wichtigsten Elemente der nordamerikanischen Anthropologie. (vgl. 11)

Quellen:

Barnard, Alan: History and theory in Anthropology. England, Press Syndicate of the University of Cambridge 2000

Barnard, Alan; Spencer, Jonathan: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. USA& Canada, Routledge Verlag 2004 (first published 1996)

Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology. The Halle Lectures 2005

Gingrich, Andre: „Erkundungen“ – Themen der Ethnologischen Forschung. Wien, Köln, Weimar: Böhlan Verlag 1999

http://www.wikipedia.org/ ( Zugriffsdatum: 08.01.2006)

Zitate:

1) Gingrich, Andre: „Erkundungen“ – Themen der Ethnologischen Forschung. Wien, Köln, Weimar: Böhlan Verlag 1999 S: 178

2) http://www.wikipedia.org/ ( Zugriffsdatum: 08.01.2006)

3) Barnard, Alan: History and theory in Anthropology. England, Press Syndicate of the University of Cambridge 2000 S: 101

4) vgl. eigene Vorlesungsmitschrift, „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“, Dr. Andre Gingrich, Universität Wien, WS 05/06

5) Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology. The Halle Lectures 2005

6) vgl. Barnard, „History“: 179- 180

7) vgl. Gingrich, „Erkundung“: S.: 180

8) vgl. eigene Vorlesungsmitschrift, „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“, Dr. Andre Gingrich, Universität Wien, WS 05/06

9) vgl. Gingrich, „Erkundung“: S.: 181- 182

10) vgl. eigene Vorlesungsmitschrift, „Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie“, Dr. Andre Gingrich, Universität Wien, WS 05/06

11) vgl. Barnard, „History“: S. 112

Friday, November 25, 2005

Funktionalismus


„Welche Hauptfragen und -anliegen kennzeichnen den Funktionalismus eines Malinowski oder den Strukturfunktionalismus eines Radcliffe-Brown? Diskutiere die Beiträge in Theorie und Methode, die die beiden Gründerfiguren der britischen Anthropologie in die Wissenschaftstradition einbrachten.“

Um den Funktionalismus besser verstehen zu können muss man zu erst betrachten durch welche Ideen, Personen und Umstände die Funktionalisten geprägt wurden.

Die wichtigsten Vertreter des Funktionalismus sind Bronislaw Malinowski (1884- 1942) und A. R. Radcliffe-Brown (1881- 1955), ein gemeinsamer Punkt war die Kritik am Evolutionismus und des Diffusionismus. Auch wenn im Funktionalismus wie im Evolutionismus die grundsätzliche Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Kulturen besteht so geht der Funktionalismus nur mehr vom hier und jetzt der Begebenheiten aus und sieht keine relevants in der Geschichte einer Kultur oder in der Frage wo es mit der Entwicklung der Kultur hingehen soll.

Den Vergleich zwischen bestimmten sozialen Begebenheiten in einer Gemeinschaft und auch diese Daten mit anderen Kulturen zu vergleichen begann schon der Evolutionist Emile Durkheim. Er gilt daher als einer der wichtigsten Einflüsse in den Funktionalismus. Schon Durkheim sah die verschiedenen Institute als Organe eines soziokulturellen Systems. Auf den anthropologischen Funktionalismus und auf Radcliffe-Brown war der Einfluss der Durkheimschen Konzepte von Struktur und kollektiven Ideen ausschlaggebend. (vgl. 1) Durch die Anfänge im Evolutionismus datierte Radcliffe-Brown auch die beiden Ursprünge der Anthropologie in dieser Strömung. Der erste Ursprung laut Radcliffe ist um 1870 den er betitelt mit „the heyday of Evolutionist thinking“.(2.) Und der zweite Ursprung der Anthropologie ist mit dem Werk „Spirit of the Laws“ von Montesquieu datiert, welches 1748 in Frankreich veröffentlicht wurde. „This sociological tradition respected the idea that society is systematically structured…“. (3.)

Beide wichtigen Vertreter des Funktionalismus Malinowski und Radcliffe-Brown hatten unterschiedliche Auffassungen vom Funktionalismus. Sie hatten jedoch eine gemeinsame Position: “Their shared position entailed the abandonment of the search for origins as historical explanations, and is replacement with the new requirement that the analysis of ethnographic data be achieved through an immersion into the details of how native action unfolds in the contemporary moment; that is, it required that the anthropologist search for understanding and explanation within the very object of study.” (4.)

Beiden gemein ist damit die gegenwartsbezogene Sozialanthropologie. Für sie ist es wichtig welchen Zweck erfüllt ein bestimmtes Phänomen im hier und jetzt. Für die Verhältnisse aus denen Malinowski kam war dieser Denkschritt etwas Ungewöhnliches da im Wissenschaftlichen Deutschen Raum der historische Bezug stark ausgeprägt war und ist. Er erkannte, dass dieser Rückgriff auf die Geschichte auch sehr leicht von, zum Beispiel der Politik oder der Wissenschaft ausgenutzt werden könnte. Er merkte das stark durch seine Kindheit in Krakau, wo der Nationalismus sich immer auf die Geschichte berief. Dadurch wandte sich Malinowski auch zur empirischen Naturwissenschaft, also zum hier und jetzt.

Durch diesen Gedanken blieb Malinowski der Erfolg in der K. u. K. Monarchie verwehrt und er ging nach London. Er studierte Anthropologie unter C. G. Seligman und Edward Westermarck. Seligmann war schon bei der bekannten „Torres Straits“ Expedition dabei, wo es erstmals darum ging das die Anthropologen die Völker selber befragten. Sie suchten nach Ähnlichkeiten zwischen den Kulturen in bestimmten Themen. Einen sehr großen Einfluss, in Bezug auf die Feldforschung, nahm auch Boas auf Malinowski. Er orientierte sich an der Methode der Feldforschung an Boas, sprach aber davon, dass die Feldforschung immer eine längere Zeit dauern muss und das man auch die Sprache der indigenen Gesellschaft können muss. Malinowski baute somit die ethnologische Feldforschung zur systematischen Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ aus. Welche eben eine lange Anwesenheit und einen engen Kontakt mit der Gesellschaft verlangt. (vgl. 5)
Durch seine Feldforschungen baute er seine Theorie des Funktionalismus auf und bekräftigte sie. Er ging davon aus, dass alle Teile einer lokalen Kultur eine Rolle spielen für das funktionieren aller übrigen Teile und das jede lokale Kultur in sich ein komplexer Organismus ist, der sich an seine äußere kollektive Umgebung anpasst. Somit spielt jeder Teil einer Kultur eine Rolle für das richtige funktionieren der anderen Teile der Kultur.

Eine der wohl längsten Feldforschungen wurde von Malinowski auf den Trobrian Inseln vorgenommen. Wenn auch nicht ganz freiwillig, da er mit einem Pass der kaiserlich-königlichen Doppelmonarchie Österreichs im Ersten Weltkrieg auf Englischem Hoheitsgebiet gefangen genommen wurde. Er war zwar Gefangener, konnte sich aber frei seinen Forschungen widmen, wenn er sich regelmäßig bei einem Kolonialbeamten meldete. Seine Feldforschung war zwar nicht so integriert in die Gesellschaft wie er sich das Vorgestellt hatte, aber aus dieser Feldforschung ging sein berühmtestes Buch hervor „Argonauten des Westlichen Pazifik“. Er beschreibt darin seine Methode der Feldforschung, die Geografie der Trobrian Inseln und seine Erlebnisse mit den Menschen. Er beschreibt darin auch Kula, als ökonomische und soziale Institution. In dieser Tradition wird in einer bestimmten Reihenfolge von einem Mitglied einer Gesellschaft, zur nächsten Gesellschaft ein Geschenk weitergegeben. Dieser rituelle Tausch ist wichtig für das soziale Zusammenleben zwischen den Gemeinden. (vgl. 6)

Malinowski setzte sich auch mit den Theorien Sigmund Freuds auseinander, kritisierte und widerlegte aber einige Theorien seines Kulturrelativismus. In seinem Buch „The father in the primitive psychology”, widerlegt er das der Omnikomplex universell ist. Da die Trobriands in einer matrilinearen Gesellschaft leben und der Vater nicht die autoritäre Figur ist, kommt es nicht wie bei den patrilinealen Gesellschaften zu einem Konkurrenzverhalten zwischen Vater und Sohn.

In seinem späteren Leben versuchte Malinowski eine Zusammenfassung seiner Perspektiven zu erstellen. Die entwickelte Theorie nannte er die „Theorie der Bedürfnisse“. Er unterschied zwischen Grundbedürfnissen und abgeleiteten Bedürfnissen. Diese Theorie beinhaltet Kultur als System von Tätigkeiten und Haltungen die nur den Zweck haben diese Bedürfnisse zu befriedigen. (vgl. 7)

Doch Malinowski war mehr für seine revolutionierende Feldarbeit berühmt. Durch seinen Einsatz in der Feldforschung und Radcliffe-Browns theoretischen Ansätzen bildeten sie das Rückrad der Anthropologie in einem Europa das vom Krieg heimgesucht wurde. Malinowski starb 1942.

Alfred Reginald-Brown stammte aus Birmingham und kam 1881 zur Welt. Erst um 1920 änderte er seinen Namen zu A. Radcliffe-Brown und später zu A. R. Radcliffe-Brown.

Der Anarchistische Schriftsteller Peter Kropotkin hatte großen Einfluss auf das wissenschaftliche Denken von Radcliffe-Brown. Seine Idee von einer Gesellschaft die nicht durch einen regulierenden Staat, sondern durch sich selbst regulierende Systeme existiert, die sich gegenseitig Unterstützen, schaffte das Interesse bei Radcliffe-Brown für soziale Institute. Das Interesse für das Erforschen der sozialen Institute machte einen der großen Unterschiede zwischen ihn und Malinowski aus, da dieser sich immer mehr auf die Individuen und deren Zusammenleben beschränkte. Durch sein Interesse an der staatenlosen Gesellschaft wurde er auch unter Kollegen „Anarchy-Brown“ genannt.

Nach dem Abschluss an der Universität von Cambridge begann Radcliffe-Brown einige Feldforschungen zu betreiben, unter anderem auf den Andaman Inseln und in West-Australien. Weitere Erfahrung machte er noch im Königreich Tonga, wo er als Erziehungsdirektor tätig war. Für einen zurückhaltenden Menschen wie Radcliffe-Brown gab es viele Probleme auf den Feldforschungen, weshalb er sich dann auch auf das Unterrichten auf den verschiedensten Universitäten und das verfassen seiner Theorien beschränkte. (vgl. 8)

Eines seiner Bekanntesten Werke ist „The Andaman Islanders“ er beschreibt darin das soziale Gefüge von den Inselbewohnern. Diese leben in verschiedenen lokalen Gruppen welche alle autonom sind. Sie kennen keinen organisierten Staat und nichts kontrollierendes, außer die Bestrafung von Verbrechen. „Community affairs were „regulated entirely by the older men and women“, but of authority they had „little or none“. (9).

Um erklären zu können wie Gesellschaften ohne Staat existieren können, bediente sich Radcliffe-Brown von einem Bild seines Lehrers Emile Durkheim. Er nahm das Bild von der segmentären Gesellschaft, welches man sich wie ein Tortenstück vorstellen kann. Jedes Stück dieser Torte stellt einen lokalen Teil der Gesellschaft dar. Jedes Stück ist gleich wichtig und hält sich so im Gleichgewicht. Dadurch benötigt diese Gesellschaft auch keinen Staat als regulierendes Organ. Falls es zu Konflikten kommt kann es zwar vorkommen das sich ein Häuptling etc. herausbildet, wie bei den Andamanen die älteren Leute bei Gesellschaftlichen Problemen, sonst aber sind alle Gruppen zu einander egalitär. In den Gruppen kann es unter bestimmten Umständen zu Hierarchien kommen, wie z.B. im Kaukasus oder in Afghanistan.

Diese Gesellschaften haben eine bestimmte Struktur, veranschaulicht in Tortenform, die bestimmt die Gliederung einer society, Gesellschaft. Die einzelnen Tortenstücke müssen sich im reinen halten, damit die ganze Torte, die ein eigenes System darstellt, funktionieren kann. Ähnlich wie Durkheim sieht er kollektive Begebenheiten die Individuen beitragen. Radcliffe-Brown verwendete dafür auch eine Blattmetapher: Das ganze Blatt ist ein System, die Adern des Blattes bilden die Struktur, die einzelnen Zellen sind die kleinsten Bausteine und Bilden das Fleisch des Blattes. Die Struktur hat die Funktion alles zusammenzuhalten. Diese Ansätze sind auch die Vorläufer der Systemanalyse, auch wenn die Sicht von Radcliffe-Brown sehr statisch ist und die Geschichte noch ganz ausklammert.

Radcliffe-Brown betrachtete immer die Institute zum Erhalt der sozialen Ordnung der Gesellschaft, was auch seinen Strukturfunktionalismus ausmachte. Er entdeckte aber auch, mit Morgan, dass das Grundprinzip der sozialen Organisation die Verwandtschaft ist. Wenn man die Strukturen von Gruppen verstehen mag, muss man sich die Verwandtschaften anschauen, mit den so genannten „kinship studies“. (vgl. 10)

Ein Kritikpunkt am Strukturfunktionalismus, sowie am Funktionalismus, ist das völlige Ausklammern der Geschichte und der Prozess der Veränderung und Entwicklung, ich finde es zwar sehr gut, dass zum ersten Mal versucht wurde nicht mit der Geschichte zu argumentieren und so einmal nur der Blick auf die bestehenden Umstände gefallen ist, aber ich glaube auch das die Geschichte immer einen Einfluss hat, auf die Entwicklung und den vorherrschenden Begebenheiten. Auch wird durch die Annahme einer systematischen Ganzheit die Annahme erhoben von innerer Konfliktfreiheit. Es wird meistens auch nicht auf die Einflussnahme der Kolonialmächte eingegangen und da die meisten indigenen Gesellschaften erst mit dem Kolonialismus in ihrer Weiterentwicklung behindert worden sind, werden die Gesellschaften als statische Gebilde hingenommen, porträtiert und somit mit dem „dynamischen“ Westen verglichen. (vgl. 11)

Aus den Grundkonzepten von Radcliffe-Brown und Malinowski folgten mindestens zwei Forschergenerationen der Anthropologie. In der ersten Generation waren die wichtigsten Siegfried Nadel und Christoph (von) Fürer-Haimendorf. In der zweiten Generation des anthropologischen Funktionalismus waren Evans-Pritchard und M. Fortes die die Zeichen setzten. Siegfried Nadel und Christoph Fürer-Haimendorf waren ebenfalls wie Malinowski im Kontext des Österreichischen Bildungssystems unterrichtet und in seiner Denktradition geprägt worden. Die wichtigsten Errungenschaften von Evans-Pritchard und M. Fortes waren die Generalisierungen der Untersuchungsmethoden und Analyseverfahren, die Radcliffe-Brown in Australien und Süd-Afrika vorlegte und diese von Malinowski in Melanesien. Zusammen gaben sie einen Sammelband über die afrikanischen politischen Systeme heraus. Evans-Pritchard forschte in Afrika über die Nuer, die Azande und die Sanussi, beide Werke zählen zu den neueren Klassikern des anthropologischen Funktionalismus. (vgl. 12)

Quellen:

Barnard, Alan: History and theory in Anthropology. England, Press Syndicate of the University of Cambridge 2000
Barnard, Alan; Spencer, Jonathan: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. USA& Canada, Routledge Verlag 2004 (first published 1996)

Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology. The Halle Lectures 2005

Gingrich, Andre: „Erkundungen“ – Themen der Ethnologischen Forschung. Wien, Köln, Weimar: Böhlan Verlag 1999

http://www.wikipedia.org/ ( Zugriffsdatum: 20.11.2005)

http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/funktionalismus.html (Zugriffsdatum: 20.11.2005)

Zitate:

1) Gingrich, Andre: „Erkundungen“– Themen der Ethnologischen Forschung. Wien, Köln, Weimar: Böhlan Verlag 1999, Seite: 182

2) Barnard, Alan: History and theory in Anthropogy. England, Press Syndicate of the University of Cambridge 2000 S.:62

3) vgl.: Barnard, History; S.: 62

4) Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One Discipline Four Ways British, German, French and American Anthropology. The Halle Lectures 2005, S.: 22

5) vgl.: Barnard, Alan; Spencer, Jonathan: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. USA& Canada, Routledge Verlag 2004 (first published 1996), S.: 343-344

6) vgl.: Barnard, History: S.: 65-67

7) vgl.: Barnard, History: S.: 68-69

8) vgl.: Barnard, Alan; Spencer, Jonathan: Encyclopedia of Social and Cultural Anthropology. USA& Canada, Routledge Verlag 2004 (first published 1996), S.: 465-466

9) Barnard, Encyclopedia, S.: 466

10) vgl.: Barnard, History: S.: 70-73

11) vgl. Gingrich, “Erkundung”, S.: 184

12) vgl. Gingrich, “Erkundung”, S.: 183-184

Friday, October 28, 2005

Is halt mal was drinnen